Immer noch Schmerzen, obwohl der Befund behandelt wurde
Ja, ein Befund kann vorliegen und die Schmerzen können trotzdem vom Nervensystem kommen. Das ist nicht selten der Fall.
Ein Beispiel ist das CRPS: Da liegt lokal eine Veränderung am Gewebe vor, mit Schwellung und den entsprechenden Beschwerden. Aber es heilt nicht richtig, weil das Nervensystem eine entscheidende Rolle dabei spielt.
Und es kann auch beides gleichzeitig vorliegen – strukturell und neuroplastisch. Dann muss man auf beiden Ebenen arbeiten.
Wenn du eine Diagnose hast, steckst du damit schon in einer Maschinerie und denkst, das sei wirklich das Problem.
Es gibt aber Menschen mit mehreren Diagnosen an mehreren Stellen des Körpers, bei denen die passenden Therapieformen – Physiotherapie, Osteopathie, Krafttraining – nicht die Wirkung bringen, die man sich wünscht. Entweder wird es nur kurzfristig besser, oder gar nicht, oder die Beschwerden kommen irgendwann wieder.
Warum ein Befund im Bild nicht beweist, dass er die Schmerzen macht
Dazu gibt es eine aufschlussreiche Untersuchung. Bei Menschen mit Rückenschmerzen hat man sich das MRT angeschaut und festgestellt: Bei vielen chronischen Rückenschmerzpatienten sieht man auf dem Bild eigentlich nichts – und trotzdem sind die Schmerzen da.
Umgekehrt hat man bei Menschen ohne Rückenschmerzen ein MRT gemacht und festgestellt: Da haben ganz viele einen Bandscheibenvorfall, aber keine Beschwerden.
Das deckt sich mit der Forschungslage. Eine systematische Übersichtsarbeit im American Journal of Neuroradiology (Brinjikji et al., 2015) fasst zusammen, dass Verschleißbefunde an der Wirbelsäule bei beschwerdefreien Menschen sehr häufig sind, mit dem Alter zunehmen und nicht verlässlich mit Rückenschmerzen zusammenhängen. Die Autoren empfehlen, solche Zufallsbefunde eher als normale Alterserscheinung zu werten.
Das heißt: Man muss immer klar eingrenzen – passt das Bild zu den klinischen Symptomen oder nicht? Selbst wenn du Rückenschmerzen hast und einen Bandscheibenbefund im MRT, muss man neurologisch und mit den entsprechenden Untersuchungstechniken abklären, ob das Bild zu den Symptomen passt.
Und genau das wird oft nicht gemacht. Heute wird die Entscheidung aufgrund des Bildes getroffen. Wenn aber der ganze Rücken wehtut, erklärt der Befund die Beschwerden oft nicht. Dazu gehört eine gezielte neurologische Untersuchung. Und wenn die Beschwerden dann auch nicht auf die Behandlung reagieren, ist es ohnehin klar.
Dasselbe gilt für die Haltung
Heute wird vor allem nach dem biomedizinischen Modell geschaut, und da spielt die Haltung eine große Rolle: Ist irgendwo etwas krumm? Ist irgendwo etwas schief? Wirkt irgendwo eine Kraft? Biomechanische Belastungen spielen ja tatsächlich eine Rolle.
Aber es gibt Menschen mit einer richtig schlechten Haltung, die keine chronischen Schmerzen haben.
Eine gute Haltung ist wichtig, und es lohnt sich immer, daran etwas zu tun. Wenn das zentrale Nervensystem in einer bestimmten Region aber sensibler geworden ist und diese Region als Gefahr bewertet, dann kann sich die Haltung verbessern – und der Schmerz ist trotzdem noch da.
Wie kommt es, dass der Schaden heilt und der Schmerz bleibt?
Das passiert, wenn das Nervensystem sehr sensibel geworden ist und gelernt hat, dass Schmerz Gefahr bedeutet. Dahinter stehen unbewusste Mechanismen: Vermeidung, Schonung, Ängste, Sorgen, starker Fokus, Katastrophisieren, Hoffnungslosigkeit.
Diese Gefühlszustände und Erfahrungen werden mit abgespeichert – vielleicht auch mehrere Operationen. Das sind alles kleine Traumata – Schmerztraumata. Sie sorgen dafür, dass das Gehirn diese Region weiterhin als gefährlich bewertet, obwohl dort nichts mehr ist.
Die Region wird also, auch wenn sie längst verheilt ist, immer noch so behandelt, als wäre sie verletzt. Und genau das ist das Problem.
Warum das Nervensystem überhaupt so empfindlich geworden ist, hat oft eine längere Vorgeschichte. Mehr dazu: Warum ausgerechnet ich?
Wenn du schon operiert oder lange behandelt wurdest
Viele befürchten dann, die Operation sei umsonst gewesen oder es sei etwas übersehen worden. Das ist ein entscheidender Punkt – denn genau dieser Gedanke hält den Alarm aufrecht: Es wurde etwas falsch gemacht. Man hat etwas übersehen. Es war umsonst. Mir kann niemand helfen.
Aber das stimmt nicht. Stattdessen lohnt sich eine andere Frage: Wie verhält sich der Schmerz jetzt? Ist er immer noch genau derselbe wie vor der Operation – oder ist er anders geworden?
Nicht selten verhält er sich anders. Vielleicht tritt er an anderen Stellen auf. Vielleicht ist aus einem lokalen Schmerz ein brennender geworden. Die Qualität ist anders, der Ort ist anders, und auch die Art, wie er auftritt.
- Wird er bei Stress mehr?
- Wird er bei Sicherheit, Ruhe, Freude oder Ablenkung besser?
- Wie ist es im Urlaub?
- Gibt es Situationen, in denen er mal nicht da ist?
- Verhält er sich paradox – dieselbe Belastung, mal Schmerz, mal keiner?
- Wandert er?
- Wird er durch den Fokus darauf oder durch die Gedanken daran mehr?
Woran du erkennst, dass mehr im Spiel ist als der Befund
Es gibt ein Kriterium, das du selbst anwenden kannst: Wie reagiert dein Körper auf die Behandlung? Für ein zentrales Problem spricht es, wenn eines davon zutrifft:
- Die Behandlung macht es schlimmer.
- Sie hilft nur kurzfristig, und die Beschwerden kommen wieder.
- Sie hilft gar nicht.
- Du musst immer wieder hingehen, damit es dir für ein paar Tage oder Wochen gut geht.
Die typischen Dauerpatienten, die ständig zur Physiotherapie gehen oder sich behandeln lassen müssen, damit es für kurze Zeit besser wird – das sind genau diese Fälle.
Auch wenn strukturell alles abgeklärt ist und man vielleicht trotzdem noch etwas sieht: Wenn die Behandlungen nicht darauf anspringen, muss man anders denken.
Die weiteren Anzeichen findest du hier – die gelten auch dann, wenn du einen Befund hast.
Wann der Befund tatsächlich die Ursache ist
Es ist nicht alles neuroplastisch. Es gibt Situationen, in denen die Struktur wirklich das Problem ist und zuerst behandelt gehört – und in denen du zu diesem Zeitpunkt bei mir nicht richtig bist.
Ein akuter Bandscheibenvorfall
Mit Taubheit, Kribbeln, Kraftverlust. Dann ist es die Struktur und sollte dementsprechend behandelt werden.
Eine akute Verletzung
Mit Schwellung, Rötung, Entzündungszeichen – ein gerissenes Band, ein gerissener Muskel. Dann gehörst du nicht hierher.
Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
Rheuma, Morbus Bechterew, Psoriasisarthritis. Das gehört zum Rheumatologen.
Aber auch hier können neuroplastische Schmerzmechanismen zusätzlich eine Rolle spielen. Beim Morbus Bechterew zum Beispiel kann die Diagnose gestellt sein und du kannst Rückenschmerzen haben – die müssen aber nicht zwangsläufig mit dem Bechterew zu tun haben. Auch da lohnt sich ein genauer Blick.
Infektion oder Tumor
Das muss selbstverständlich zuerst abgeklärt werden.
Fortschreitende neurologische Erkrankungen
Wenn die Symptome stetig zunehmen, statt zu schwanken.
Abhängigkeit von Schmerzmitteln
Das gehört zuerst in ärztliche Hände. Schmerzmittel setzt man nicht auf eigene Faust ab.
Gleichzeitig spielen bei einer Schmerzmittelabhängigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zentrale Mechanismen mit – Opiate setzen ja selbst im zentralen Nervensystem an. In speziell ausgewählten Fällen ist es deshalb möglich, dass diese Arbeit einen Weg heraus begleitet. Aber immer nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt und mit ärztlicher Begleitung, nie im Alleingang.
Wichtig dabei: Das heißt nicht, dass diese Arbeit für dich damit erledigt wäre. Es heißt, dass die Reihenfolge stimmen muss. Ist das Akute behandelt und das Ernsthafte abgeklärt, kann ein überreiztes Nervensystem trotzdem der Grund sein, warum die Beschwerden bleiben – gerade bei Menschen, die eine schwere Erkrankung oder eine lange Behandlungsgeschichte hinter sich haben.
Übrigens: Auch für anhaltenden Schmerz selbst gibt es Diagnoseschlüssel – in der ICD-11 die Kategorie MG30.0 „Chronischer primärer Schmerz“, in Deutschland F45.41. Was das bedeutet, steht hier.
Heißt das, man soll den Befund ignorieren?
Auf keinen Fall. Man sollte die Diagnose ernst nehmen – sich aber nicht damit verrückt machen. Heute werden im Bereich von Schmerzzuständen leider oft Diagnosen gestellt, die nicht zu hundert Prozent sicher sind. Du kannst dir eine Zweitmeinung einholen, meinetwegen auch eine dritte.
Dann geh dem erst einmal nach und schau: Hilft die Behandlung, hilft die Empfehlung? Manchmal muss man mehrere unterschiedliche Therapieverfahren ausprobieren, bis etwas richtig hilft. Nicht jeder kann jedem helfen – nur weil jemand Physiotherapeut, Osteopath, Heilpraktiker oder Chiropraktiker ist, heißt das nicht, dass er dir helfen kann. Man muss dranbleiben und Unterschiedliches ausprobieren, bevor man das Richtige findet.
Wenn das alles aber nicht weiterführt, kann man in die andere Richtung denken.
Also: den Befund ernst nehmen, aber nicht als goldene Wahrheit festlegen. Zweit- und Drittmeinungen einholen, gegenprüfen, Behandlungen ausprobieren.
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Paul Reinborn
Physiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker (Physiotherapie). Begleitet Menschen mit chronischen und neuroplastischen Beschwerden 1:1 online dabei, ein überreiztes Nervensystem zu regulieren.
Zuletzt aktualisiert: 9. September 2026
