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Wer hilft bei chronischen Schmerzen ohne klaren Befund?

Dir kann nur jemand helfen, der sich mit dem Thema wirklich auskennt: mit neuroplastischen Schmerzen und mit dem Nervensystem. Das ist ein spezielles Gebiet. Viele Ärzte haben dazu keinen Zugang, weil man sich viel zu sehr auf den Körper fixiert hat – auf Haltung, auf Struktur, auf Verletzungen.

Hier geht es aber um etwas anderes: um Nervensystemregulation, um Selbstregulation, um neuere Erkenntnisse aus Neuroplastizität und Schmerzforschung.

Konkret kennen sich damit aus: spezialisierte Physiotherapeuten, Ärzte, Psychotherapeuten und Schmerztherapeuten – aber nur diejenigen, die sich mit Pain Reprocessing Therapy und der Arbeit von Alan Gordon, Dr. Howard Schubiner und ähnlichen Ansätzen befasst haben. Das ist noch relativ junges Wissen, das hier in Deutschland gerade erst ankommt.

Was bedeutet „neuroplastisch“?

Das Wort setzt sich aus zwei Teilen zusammen. „Neuro“ steht für das Nervensystem – das Gehirn und die Nerven. „Plastizität“ bedeutet Formbarkeit: Das Nervensystem verdrahtet und vernetzt sich ständig neu, je nachdem, was wir erleben und wiederholen.

Neuroplastische Schmerzen sind deshalb erlernte Schmerzen. Das Nervensystem hat gelernt, bestimmte Signale als Gefahr zu bewerten, und erzeugt Schmerz, obwohl im Gewebe kein Schaden vorliegt – oder keiner mehr. Dasselbe gilt für andere Beschwerden wie Schwindel, Tinnitus oder Erschöpfung. Warum das Wort „neuroplastisch“ vor allem eine gute Nachricht ist, erklärt die Seite über neuroplastische Symptome.

Und was das Nervensystem gelernt hat, kann es auch wieder verlernen.

Die Wege, die du wahrscheinlich schon hinter dir hast

Wer diese Frage stellt, war meistens schon an mehreren Stellen. Deshalb hier eine ehrliche Einordnung: was jeder Weg kann – und wo er aufhört.

Illustration: Ein Arzt betrachtet ratlos ein Röntgenbild der Wirbelsäule – der Befund erklärt die Schmerzen nicht
Wenn ein Befund die Beschwerden nicht erklärt – ob Röntgen, MRT, Ultraschall oder Blutwerte –, stehen oft beide ratlos da: der Mensch mit den Schmerzen und der Arzt.Grafik mit KI erstellt

Hausarzt

Der richtige Ansprechpartner für eine erste Einschätzung, für die Krankschreibung und für die Weiterleitung zu anderen Fachleuten.

Wo es aufhört: Damit ist der Rahmen meist auch schon ausgeschöpft. Eine Diagnose stellt in der Regel der Orthopäde.

Orthopäde und Bildgebung

Wichtig und nicht verhandelbar: Röntgen und MRT sind dafür da, akute strukturelle Ursachen und ernsthafte Erkrankungen auszuschließen. Dieser Schritt gehört an den Anfang.

Wo es aufhört: Schwierig wird es, wenn die empfohlenen Maßnahmen nicht fruchten – Stoßwelle, Spritzen, Röntgenreizbestrahlung und Ähnliches. Ein unauffälliger Befund erklärt dann nicht, warum die Schmerzen bleiben.

Schmerzambulanz und multimodale Schmerztherapie

Kann hilfreich sein. Was dort passiert, ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie die jeweilige Einrichtung arbeitet.

Wo es aufhört: Was ich bei Menschen beobachte, die von dort kommen: Sobald das Programm abgeschlossen ist, steht man wieder allein da. Oft fällt man dann in die alten Muster zurück. Und die Frage ist, ob man seine Muster überhaupt kennt.

Klassische Psychotherapie

Sehr hilfreich, wenn Traumata eine Rolle spielen, wenn es um Familienthemen geht, um Partnerschaftskonflikte oder um anderes, das gelöst werden muss.

Wo es aufhört: Sie setzt oft nicht am Schmerz selbst an. Die klassische Psychotherapie sieht es eher so, dass der Schmerz aufgrund psychischer Belastung entsteht. Das Verhalten rund um den Schmerz wird dabei gar nicht berücksichtigt – und das ist häufig der Grund, warum sie bei diesen Beschwerden nicht weiterhilft.

Klassische Physiotherapie

Sie kann strukturelle Probleme gut behandeln: die Wundheilung von Gewebe, die Beweglichkeit, die Kraft, die Stabilität.

Wo es aufhört: Viele chronische Beschwerden sind nicht strukturell, sondern werden vom Gehirn und vom Nervensystem aufrechterhalten. Die klassische Physiotherapie ist dabei viel zu sehr auf die Struktur fokussiert, auf den Körper, auf die Haltung – und das ist in diesem Fall nicht die Lösung.

Woran du selbst erkennen kannst, ob dein Schmerz zentrale Muster zeigt

Dafür brauchst du kein Gespräch mit mir. Wenn du dich in mehreren dieser Punkte wiedererkennst, spricht das dafür, dass dein Nervensystem beteiligt ist:

Dass Schmerz auf diese Weise entstehen und bleiben kann, ohne dass Gewebe geschädigt ist, ist keine Randmeinung. Die internationale Schmerzgesellschaft IASP hat dafür 2021 erstmals eigene klinische Kriterien veröffentlicht.

Du hast einen Befund, aber er erklärt nicht alles? Auch dann können neuroplastische Mechanismen mitspielen – oft sogar beides gleichzeitig. Dazu habe ich hier geschrieben.

Bei dir geht es nicht nur um Schmerzen? Auch Tinnitus, Erschöpfung, Schwindel oder ein Reizdarm können vom Nervensystem aufrechterhalten werden. Mehr dazu hier.

Chronischer Schmerz ist eine anerkannte Diagnose

Viele Menschen mit anhaltenden Schmerzen hören jahrelang, es sei nichts zu finden – und schließen daraus, dass ihr Problem offiziell gar nicht existiert. Das stimmt nicht. In der internationalen Klassifikation der Krankheiten gibt es dafür eigene Schlüssel.

ICD-11: MG30.0 – Chronischer primärer Schmerz

Seit 2022 in Kraft. Damit ist chronischer Schmerz erstmals eine eigenständige Erkrankung und nicht nur ein Symptom von etwas anderem. Dazu zählen unter anderem das chronische weitverbreitete Schmerzsyndrom (Fibromyalgie), das CRPS sowie chronische primäre Kopf-, Gesichts-, Bauch- und Muskel-Skelett-Schmerzen.

ICD-10-GM: F45.41 – Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren

In Deutschland seit 2009. Die Kriterien: Schmerz seit mindestens sechs Monaten in einer oder mehreren Körperregionen, wobei psychische Faktoren eine wichtige Rolle für Schweregrad und Aufrechterhaltung spielen – ihn aber nicht verursacht haben.

In der deutschen Versorgung wird bis auf Weiteres nach ICD-10-GM kodiert, die Einführung der ICD-11 läuft noch. Der Schlüssel, den dein Arzt dir heute geben kann, ist also F45.41. Du kannst ihn darauf ansprechen.

Zur Genauigkeit: „Neuroplastischer Schmerz“ ist selbst kein Begriff aus der ICD, und auch „nociplastic pain“ der IASP beschreibt einen Mechanismus, keinen Diagnoseschlüssel. Was die Codes festhalten, ist etwas anderes und für Betroffene oft Wichtigeres: dass anhaltender Schmerz als Erkrankung anerkannt ist – auch dann, wenn kein struktureller Befund vorliegt.

Was diese Arbeit von dem unterscheidet, was du kennst

Fast alle Wege, die du bisher gegangen bist, folgen derselben Idee: Irgendwo im Körper ist etwas kaputt, abgenutzt, krumm oder schief – und das muss repariert werden. Danach wird gesucht, danach wird behandelt.

Bei anhaltenden Beschwerden führt diese Idee oft in die Irre. Nicht, weil nichts da wäre – sondern weil das, was da ist, den Schmerz nicht erklärt.

Das Nervensystem verhält sich dabei wie ein Rauchmelder, der weiter Alarm schlägt, obwohl kein Feuer mehr da ist. Der Alarm ist der Schmerz – er bleibt echt, nur die Ursache ist eine andere. Dieses Bild erkläre ich auf meiner Startseite ausführlicher.

Grafik: Fehlalarm wie bei einem Rauchmelder – kein Rauch, kein Schaden, doch das Gehirn interpretiert das Signal als Gefahr, und es entsteht Schmerz
Fehlalarm: kein Rauch, kein Schaden – und trotzdem wertet das Gehirn das Signal als Gefahr. Der Schmerz ist echt, nur die Ursache ist eine andere.Grafik mit KI erstellt

Das heißt ausdrücklich nicht, dass du dir etwas einbildest. Der Schmerz ist da, er ist keine Frage von Einbildung oder Willensschwäche.

Ein Fehlalarm heißt aber nicht, dass er grundlos ist. Es ist nichts kaputt – und trotzdem hat der Alarm eine Vorgeschichte. Oft stand das Nervensystem schon lange unter Druck, durch Muster wie Perfektionismus, Selbstkritik oder ständige Sorgen. Darin liegt eine Chance: Warum ausgerechnet ich? Kein Defekt, sondern ein Hinweis.

Deshalb ist das hier keine körperliche Therapie. Es geht nicht darum, etwas von außen zu mobilisieren, zu reparieren, zu bewegen oder zu kräftigen. Es geht darum, dem Nervensystem beizubringen, dass die Gefahr vorbei ist – damit der Alarm aufhören kann.

Der Unterschied in einem Satz: Nicht jemand repariert dich von außen, sondern du lernst, wie dein System wieder in den Zustand kommt, in dem es sich selbst reguliert. Genau das macht dich mit der Zeit unabhängig, statt immer weiter behandelt werden zu müssen.

Was dabei konkret passiert

Zuerst schauen wir uns an, welche Mechanismen den Schmerz bei dir aufrechterhalten. Das ist bei jedem anders, deshalb steht am Anfang kein Programm, sondern eine Bestandsaufnahme:

Dazu kommt der Blick auf dein Leben. Was führt dazu, dass du ständig angespannt bist, dich unter Druck setzt, zu perfektionistisch denkst, dir Sorgen machst oder Angst hast? Das sind keine Nebenschauplätze – das ist der Boden, auf dem der Alarm sich hält.

Aus dieser Bestandsaufnahme wird dann das Eigentliche: Du lernst, wie du mit der betroffenen Region wieder richtig umgehst. Wie verhalte ich mich? Was kann ich tun, was nicht – und wenn ich etwas tue, wie tue ich es? Es geht darum, die Verbindung zwischen Körper und Geist wiederherzustellen, die bei vielen über die Jahre verloren gegangen ist.

Dazu gibt es bestimmte Techniken, die du immer wieder anwendest, um deinem Gehirn im Alltag Sicherheit zu geben. Das Ziel dahinter ist die ganze Zeit dasselbe: dass dein Gehirn lernt, dass dieses Körpersignal keine Gefahr ist.

Wie viel Zeit kostet das am Tag?

Das lässt sich nicht in Minuten sagen, und das ist kein Ausweichen. Es geht nicht um ein Übungsprogramm, das man abarbeitet, sondern darum, einzugreifen, wenn das Muster auftaucht – und das passiert unbewusst. Bewusst fühlen, bewusst denken, bewusst handeln, immer dann, wenn es dran ist.

Ein Beispiel: Angst vorm Bücken

Jemand hat gelernt, dass Bücken gefährlich ist. Der Körper meldet Alarm, er vermeidet es, und mit jeder Vermeidung wird die Meldung ein Stück lauter.

In der Begleitung bringt er seinem Gehirn und seinem Nervensystem bei, dass Bücken keine Gefahr ist – weil sein Körper nicht kaputt ist. Er macht Schritt für Schritt die Erfahrung, dass es möglich ist, und lernt, mit dem Gefühl umzugehen, das dabei auftaucht. Nicht durch Zusammenreißen und nicht durch Ausweichen, sondern durch die richtigen Signale an ein System, das gerade überreagiert.

Warum das online funktioniert

Weil ich die Menschen nicht anfasse.

Es geht um Selbstregulation und um die Umsetzung im Alltag: Wie gehe ich mit meinem Schmerz in bestimmten Situationen um? Welche Rolle spielen meine Gedanken, meine Gefühle und mein Handeln? Wie lerne ich, dass Vermeidung nicht der richtige Weg ist – und Übergehen genauso wenig?

Wie sende ich die richtigen Signale an mein Nervensystem in Situationen, in denen ich normalerweise Angst habe, mir Sorgen mache, katastrophisiere, meinen Körper scanne oder vermeide? Wie gehe ich in meinem Leben damit um?

Dafür braucht es niemanden im selben Raum.

Für wen diese Arbeit nichts ist

Menschen, die nicht bereit sind, an sich selbst zu arbeiten. Und Menschen, die so hoffnungslos geworden sind, dass sie es nicht mehr annehmen und gar nicht erst in Erwägung ziehen können. Ein bisschen Bereitschaft muss da sein – zu hundert Prozent überzeugt sein muss man nicht.

Ob das für dich passt, kannst du mit dem Selbstcheck (20 Fragen, 3 Minuten) einschätzen.

Wann zuerst eine ärztliche Abklärung nötig ist

Bei diesen Zeichen gehört die Abklärung zuerst in ärztliche Hände:

  • Plötzlicher Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm, Taubheit im Reithosenbereich
  • Akute Taubheit in Händen oder Füßen
  • Neurologische Ausfälle, Kraftverlust
  • Fieber
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Neue oder zunehmende Schmerzen in der Nacht oder in völliger Ruhe – besonders zusammen mit Fieber, Gewichtsverlust oder einer Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
  • Neue oder veränderte Beschwerden, wenn in der Vorgeschichte eine Tumorerkrankung besteht

Diese Zeichen bedeuten: zuerst abklären lassen – nicht, dass diese Arbeit für dich grundsätzlich nicht infrage kommt. Ist die Ursache geklärt, kann sie auch dann der richtige Weg sein. Auch Menschen, die eine schwere Erkrankung hinter sich haben, können mit einem überreizten Nervensystem zu tun haben.

Wenn du erst einmal selbst weiterlesen willst

Du musst dafür nicht bei mir landen. Beschäftige dich mit dem Thema – die Bücher von Alan Gordon und Dr. Howard Schubiner sind ein guter Anfang und der Ursprung dieser Arbeit.

Wenn du meinen Weg weiterverfolgen willst, findest du mich auf Instagram unter @paul_reinborn.

Der Ansatz ist dabei keine Privatmeinung: Pain Reprocessing Therapy wurde an der University of Colorado in einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht, veröffentlicht 2021 in JAMA Psychiatry – unter Beteiligung von Alan Gordon und Dr. Howard Schubiner. Was das für deinen persönlichen Verlauf bedeutet, lässt sich daraus nicht ableiten; jeder Mensch und jede Geschichte sind anders.

Wenn du wissen willst, ob das auf dich zutrifft

Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir uns an, wie sich dein Schmerz verhält, und ordnen ihn ehrlich ein – auch dann, wenn der nächste Schritt ohne mich stattfindet.

Kostenloses Erstgespräch 30 Minuten · online · unverbindlich
Paul Reinborn

Paul Reinborn

Physiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker (Physiotherapie). Begleitet Menschen mit chronischen und neuroplastischen Beschwerden 1:1 online dabei, ein überreiztes Nervensystem zu regulieren.

Mehr über meine Arbeit

Zuletzt aktualisiert: 9. September 2026