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Warum ausgerechnet ich? Kein Defekt, sondern ein Hinweis

Anhaltende Schmerzen und Symptome sind kein Defekt. Sie sind auch kein Hindernis und kein Schicksalsschlag. Sie weisen dich auf etwas hin – auf etwas Entscheidendes, das dich im Leben nach vorne bringen kann, sobald du es verstanden hast und Schritt für Schritt umsetzt.

Meist zeigen sie, dass dein Nervensystem schon lange unter Druck steht: durch Muster wie Perfektionismus, Selbstkritik oder Aufopferung, durch Gefühle, die nie Platz hatten, und durch Prägungen aus deiner Geschichte.

Warum ausgerechnet ich?

Diese Frage stellen sich viele. Meine ehrliche Antwort: Es hat nichts damit zu tun, dass das Leben gegen dich ist. Ich würde sogar sagen, es ist für dich.

Frag dich einmal: Wie sah dein Leben aus, bevor die Beschwerden kamen?

Aus vielen Gesprächen mit Menschen mit anhaltenden Schmerzen und Symptomen weiß ich: Bei den meisten war es auch vorher nicht ruhig. Es beginnt oft bei scheinbar banalen Dingen – viel innerer Druck, Stress, Selbstkritik, Sorgen, Ängste, Zweifel.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegen Denk- und Verhaltensmuster, die deinem Nervensystem schon lange vorher gemeldet haben: Irgendetwas stimmt nicht, ich bin in Gefahr.

Eisberg: Sichtbar über der Wasseroberfläche sind Schmerzen und Symptome. Darunter liegen drei Schichten: Denk- und Verhaltensmuster, nicht gelebte Gefühle sowie Prägungen und Erfahrungen. Schmerzen & Symptome sichtbar unsichtbar Denk- und Verhaltensmuster Nicht gelebte Gefühle Prägungen und Erfahrungen
Die Beschwerden sind nur der sichtbare Teil. Darunter liegen Muster, nicht gelebte Gefühle und Prägungen, die das Nervensystem schon lange in Alarm halten.

Was unter der Oberfläche liegt

Unter der Spitze liegen drei Schichten. Sie greifen ineinander, und bei jedem Menschen sehen sie etwas anders aus.

Schicht 1: Denk- und Verhaltensmuster

Typisch sind Ängste und Sorgen, Perfektionismus, Selbstkritik, Aufopferung für andere, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle, sich selbst unter Druck setzen und Grübeln. Im Alltag laufen diese Muster meist unbemerkt – als innere Sätze, die sich anfühlen wie die eigene Stimme:

Angst und Sorgen

  • Ständige Sorgen„Was, wenn etwas passiert?“
  • Katastrophisieren„Was, wenn das richtig schlimm wird?“
  • Sorgenketten„Wenn A passiert, dann B, dann C …“
  • Angst vor dem Symptom„Was, wenn das nie wieder weggeht?“
  • Ständige Wachsamkeit„Stimmt hier etwas nicht?“
  • Zukunftsangst„Wie soll das nur weitergehen?“

Sicherheit und Kontrolle

  • Kontrollbedürfnis„Ich muss alles im Griff haben.“
  • Unsicherheit schwer aushaltenOffene Fragen lassen keine Ruhe.
  • Rückversicherung„Bist du dir sicher?“
  • Vermeidung„Damit will ich mich lieber nicht beschäftigen.“

Leistung und innerer Druck

  • Perfektionismus„Das reicht noch nicht.“
  • Selbstwert durch Leistung„Wenn ich erfolgreich bin, bin ich etwas wert.“
  • Funktionieren müssen„Ich muss da durch.“
  • Schuldgefühle beim Nichtstun„Ich kann doch nicht einfach hier sitzen.“
  • Innerer Antreiber„Los, weiter, mehr.“

Selbstkritik und Selbstbild

  • Harte Selbstkritik„Stell dich nicht so an.“
  • Scham„Mit mir stimmt etwas nicht.“
  • Nicht genug sein„Ich müsste schon weiter sein.“
  • Wenig Mitgefühl mit sich„Reiß dich zusammen.“
  • Hoffnungslosigkeit„Es wird nicht besser.“

Grübeln und Kopfkino

  • Grübeln„Was hätte ich anders machen müssen?“
  • Gespräche nachanalysieren„Was meinte er damit?“
  • Lösungszwang„Ich muss dafür jetzt eine Lösung finden.“
  • Gedankenkreisen am AbendDer Kopf kommt nicht zur Ruhe.

Beziehungen und Aufopferung

  • Es allen recht machen„Hauptsache, niemand ist enttäuscht.“
  • Andere zuerst„Erst müssen alle anderen versorgt sein.“
  • Nicht Nein sagen können„Ich kann ihn doch nicht hängen lassen.“
  • Konflikte vermeiden„Ist schon okay“ – obwohl es innerlich nicht okay ist.
  • Keine Hilfe annehmen„Das müsste ich alleine schaffen.“

Verantwortung und Dringlichkeit

  • Überverantwortung„Ich muss dafür sorgen, dass alles läuft.“
  • Nicht abgeben können„Dann mache ich es lieber selbst.“
  • Dringlichkeit„Ich muss das jetzt endlich hinkriegen.“
  • Ständiges Optimieren„Da geht bestimmt noch mehr.“
  • Selbst Erholung wird Leistung„Ich meditiere, damit ich leistungsfähiger werde.“

Diese Übersicht ist kein Test. Einzelne Muster sind menschlich und je nach Situation völlig normal. Bedeutsam werden sie, wenn sie sehr starr, häufig oder belastend auftreten.

Schicht 2: Nicht gelebte Gefühle

Angst, Trauer, Wut, Scham – Gefühle, die nie richtig Platz hatten. Sie zeigen sich oft über anhaltende Beschwerden und über eine Art emotionale Abgeschnittenheit.

Manche wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht gut umgehen können. Andere nehmen es noch gar nicht wahr. Auf die Frage, wie es ihnen geht, antworten sie „passt schon“. Gefühle spüren sie eher als Druck, Enge oder Kloß im Hals. Sie denken über Gefühle nach, statt sie zu fühlen – und funktionieren weiter.

Warum Gefühle unterdrückt werden: Oft hat man nie gelernt, sie zu zeigen. In manchen Familien wurde über Gefühle einfach nicht gesprochen. In anderen durften bestimmte Gefühle nicht sein: „Stell dich nicht so an.“ „Jungs weinen nicht.“ Wer als Kind nie richtig toben, laut werden oder weinen durfte, weil das immer heruntergespielt wurde, lernt, diese Gefühle zu verstecken – irgendwann auch vor sich selbst.

Häufig liegen die Wurzeln in der Kindheit. Es können aber auch spätere Erfahrungen sein: Rollenbilder, ein Beruf, in dem man immer „professionell“ sein muss, ein Verlust, für dessen Trauer nie Raum war, oder eine Beziehung, in der Konflikte gefährlich waren.

Die Forschung stützt diesen Zusammenhang. Die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen – Fachbegriff Alexithymie –, ist bei Menschen mit chronischen Schmerzen im Durchschnitt deutlich stärker ausgeprägt; das zeigt eine Auswertung von 77 Studien (Aaron u. a., 2019). Der Mediziner Dr. Howard Schubiner und der Psychologe Mark Lumley haben mit der Emotional Awareness and Expression Therapy einen Ansatz entwickelt, der gezielt an nicht verarbeiteten Gefühlen ansetzt. Er wurde in randomisierten Studien untersucht (Lumley und Schubiner, 2019; Yarns u. a., 2024).

Schicht 3: Prägungen und Erfahrungen

Diese Muster und Gefühle entstehen nicht zufällig. Sie sind geprägt von Erziehung, Kultur und Religion, von Erfahrungen aus der Kindheit und von späteren Erlebnissen. Das können ganz banale Dinge sein – bis hin zu belastenden oder traumatischen Erfahrungen, von denen man vielleicht dachte, man habe sie längst verarbeitet.

Wenn Traumata eine Rolle spielen, gehört das in eine traumatherapeutische Begleitung. Die Arbeit am Nervensystem kann das ergänzen, aber nicht ersetzen.

Die Sätze dahinter

So unterschiedlich die einzelnen Muster aussehen – oft lassen sie sich auf wenige Grundsätze zurückführen, die tief sitzen:

Erkennst du dich in einem davon wieder? Dann ist das kein Urteil über dich. Es ist ein Anfang.

Was dich damals geschützt hat

Diese Muster sind keine Fehler. Sie waren einmal kluge Lösungen für ein echtes Problem – Anpassungen an das, was du erlebt hast. Das Problem ist nur: Sie laufen weiter, obwohl die Situation von damals längst vorbei ist.

Was dich damals geschützt hat, hält heute den Alarm aufrecht.

Perfektionismus schützte vor Kritik, Ablehnung und Scham

Wer erlebt hat, dass es Zuwendung vor allem für Leistung gab, lernt: Ein Fehler kann Liebe kosten. Perfekt zu sein wird zum Weg, sich Anerkennung zu sichern – und in unsicheren Verhältnissen wenigstens etwas unter Kontrolle zu haben.

Aufopferung schützte die Beziehung

Wer spürt, dass Nähe davon abhängt, die Erwartungen anderer zu erfüllen, lernt, sich anzupassen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Oft ist das so eingeübt, dass es sich wie ein Charakterzug anfühlt – und nicht wie eine Schutzstrategie.

Kontrolle und Wachsamkeit schützten vor dem Unberechenbaren

Wer früh gelernt hat, die Stimmungen anderer zu lesen, um vorbereitet zu sein, war damit klug. Heute scannt das Nervensystem weiter – auch den eigenen Körper.

Gefühle zurückzuhalten schützte vor Konflikt und Zurückweisung

Wo Weinen oder Wut nicht erwünscht waren, war es sicherer, sie nicht zu zeigen.

Die Psychologie kennt diese Zusammenhänge gut. Die Schematherapie nach Jeffrey Young beschreibt (Young u. a., 2003), wie feste Muster entstehen, wenn Grundbedürfnisse in der Kindheit dauerhaft zu kurz kommen – etwa das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Annahme oder danach, Gefühle ausdrücken zu dürfen. Mehrere der Muster von dieser Seite beschreibt sie fast wörtlich: überhöhte Ansprüche an sich selbst, Selbstaufopferung, das Zurückhalten von Gefühlen, das Streben nach Anerkennung. Eine Studie zeigt außerdem, dass Jugendliche eher zu Perfektionismus neigen, wenn sie die Zuwendung ihrer Eltern als an Bedingungen geknüpft erleben (Curran u. a., 2017).

Was dein Nervensystem eigentlich braucht

Dein Nervensystem stellt ununterbrochen eine einzige Frage: Bin ich sicher? Und es beantwortet sie nicht nur danach, ob dir gerade jemand gegenübersteht, der dich bedroht. Es beantwortet sie auch danach, ob einige Grundbedürfnisse erfüllt sind – über Jahre hinweg.

Diese sechs sehe ich immer wieder:

Sicherheit und OrientierungIch bin geschützt, kann Situationen einordnen und weiß ungefähr, was auf mich zukommt.Fehlt es: Das System bleibt wachsam, weil es nie weiß, was als Nächstes kommt.
Verbindung und ZugehörigkeitIch fühle mich verbunden – mit Menschen, mit einer Gemeinschaft, mit der Natur, mit etwas Größerem.Fehlt es: Getrenntsein ist für ein Nervensystem kein Gefühl, sondern eine Gefahrenmeldung.
Gesehen und wertgeschätzt werdenIch werde wahrgenommen und ernst genommen, und was ich tue, hat Bedeutung für jemanden.Fehlt es: Wer keine Resonanz erlebt, bleibt innerlich in Anspannung.
Autonomie und SelbstwirksamkeitIch kann mitgestalten, Entscheidungen treffen und erleben, dass ich etwas bewirke.Fehlt es: Ohnmacht ist einer der stärksten Dauerstressoren, die es gibt.
Entwicklung und LebendigkeitIch lerne dazu, mache neue Erfahrungen, wachse an etwas.Fehlt es: Stillstand fühlt sich auf Dauer nicht ruhig an, sondern eng.
Sinn und BeitragMein Leben und mein Tun dürfen bedeutsam sein, und ich lebe möglichst im Einklang mit dem, was mir wichtig ist.Fehlt es: Ein Leben gegen die eigenen Werte kostet dauerhaft Kraft.

Und hier liegt der entscheidende Punkt: Wer als Kind nicht gelernt hat, dass er sicher ist – weil ein Elternteil gefehlt hat, weil jemand gewalttätig war, weil man übergangen oder nicht gesehen wurde –, bei dem zieht sich das durchs Leben. Nicht als Erinnerung, sondern als Grundeinstellung des Systems.

Das ist keine Vermutung. Die große ACE-Studie zeigte schon 1998, wie stark belastende Kindheitserfahrungen mit körperlicher Gesundheit im Erwachsenenalter zusammenhängen.A Eine Metaanalyse von 2024 bestätigte den Zusammenhang mit dem Auftreten mehrerer Erkrankungen gleichzeitig,B und eine Übersicht bildgebender Studien fand entsprechende Veränderungen in der Verarbeitung bei Menschen mit chronischen Schmerzen.C

Und es muss nicht das große Trauma sein. Oft ist es nichts, was man überhaupt erzählen würde: ein Zuhause, in dem man immer funktionieren musste. Ein Elternteil, das selbst überfordert war. Jahre, in denen niemand gefragt hat, wie es einem geht. Von außen völlig unauffällig – für ein Nervensystem trotzdem ein Dauerzustand.

Warum es dann „aus dem Nichts“ kommt

Das erklärt etwas, das viele ratlos macht: Warum fängt der Körper plötzlich an zu spinnen, obwohl gerade nichts Besonderes passiert ist? Oder warum bleiben Beschwerden zurück, die niemand erklären kann – nach einem Sturz, nach einem Infekt mit einem Virus oder Bakterium, nach einer Spritze, einer Behandlung oder einem heftigen Streit?

Weil der Alarm nicht an diesem Tag begonnen hat. Das System stand schon lange unter Spannung – der Vorfall war nur das, was das Fass zum Überlaufen brachte. In der Stressforschung heißt dieses Aufsummieren über Jahre allostatische Last: Die Belastung schädigt nicht im Moment, sondern durch die Dauer.D

Wann diese Grenze erreicht ist, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche kommen jahrzehntelang gut durch. Bei anderen ist das Fass schon in der Kindheit oder in der Jugend voll – deshalb gibt es auch Jugendliche mit chronischen Schmerzen, für die niemand eine Erklärung findet.

Die Belastung summiert sich über Jahre. Weil die persönliche Belastungsgrenze bei jedem Menschen woanders liegt, kann das Fass in jedem Lebensalter überlaufen. Die Belastung summiert sich über Jahre oder hier oder hier Belastungsgrenze – bei jedem anders hoch hier kippt es Kindheit Jugend Erwachsenenleben heute Kippen kann es in jedem Alter – je nachdem, wo die eigene Grenze liegt
Was sich über die Jahre summiert, sind die fehlenden Grundbedürfnisse: keine Sicherheit, keine Verbindung, nicht gesehen werden, Ohnmacht, Stillstand, ein Leben gegen die eigenen Werte. Wo die eigene Grenze liegt, ist bei jedem anders – deshalb kann das Fass in jedem Lebensalter überlaufen, bei dem einen mit sechzehn, bei der anderen mit sechzig. Und deshalb ist das letzte Ereignis fast immer viel zu klein für das, was danach kommt: ein Sturz, ein Infekt, ein Virus, eine Spritze, eine Behandlung, ein Streit.

Und deshalb ist die Frage „Warum ausgerechnet ich?“ meistens falsch gestellt. Die bessere Frage lautet: Was hat gefehlt – und wie lange schon?

Wie aus innerem Druck ein körperliches Symptom wird

Das Nervensystem unterscheidet nicht genau, ob eine Bedrohung von außen kommt oder von innen. Dauerhafter innerer Druck, ständige Sorgen und harte Selbstkritik wirken auf den Körper wie eine Gefahr, die nie vorbei ist. Er bleibt in Alarmbereitschaft.

Meist meldet er sich lange vorher: mit innerer Unruhe, Nervosität, Konzentrationsproblemen oder einem erhöhten Puls. Diese Frühwarnzeichen werden leicht übersehen oder falsch gedeutet. Der Schmerz ist dann das Signal, das man nicht mehr überhören kann – eindeutig genug, dass man handelt.

Wenn ich später mit den Menschen spreche, erkennen viele, dass die Vorzeichen längst da waren. Oft kannten sie sie schon seit Jahren.

Angst: der stärkste Verstärker

Von allen Mustern steht eines an erster Stelle: Angst. Aus meiner Erfahrung ist sie der wichtigste Antreiber anhaltender Schmerzen und Symptome. Das liegt daran, dass Angst die Sprache des Alarmsystems selbst ist. Wo Angst ist, meldet das Nervensystem: Gefahr.

Angst zeigt sich dabei in zwei Formen. Oft ist sie schon lange vorher da – als ständige Sorgen, als Zukunftsangst, als das Gefühl, immer auf der Hut sein zu müssen. Und sobald das Symptom auftaucht, kommt eine zweite Angst dazu: die Angst vor dem Symptom selbst. „Was, wenn das etwas Schlimmes ist? Was, wenn es nie wieder weggeht?“

Genau hier schließt sich der Kreis. Angst lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper, erhöht die Anspannung und hält das Nervensystem in Alarm. Das Symptom wird dadurch stärker oder bleibt, und das macht wieder Angst. Wie dieser Angst-Symptom-Kreislauf abläuft, zeigt die Grafik auf der Seite zu neuroplastischen Symptomen.

Nicht das Symptom allein hält den Alarm am Laufen, sondern die Angst davor.

Was dabei im Körper passiert

„Das Nervensystem geht in Alarm“ klingt nach einem Bild. Es ist aber sehr konkret. Drei Dinge greifen ineinander.

Erstens: die Amygdala, dein Rauchmelder. Tief in deinem Gehirn liegt ein mandelförmiger Bereich, der ununterbrochen prüft, ob Gefahr droht. Er entscheidet in Millisekunden – lange bevor du bewusst nachgedacht hast. Und er unterscheidet nicht zwischen einem Hund, der auf dich zurennt, und dem Gedanken „Was, wenn das ein Tumor ist?“ Beides ist für ihn dieselbe Meldung: Gefahr. Dass dieser Bereich bei anhaltenden Schmerzen beteiligt ist, ist gut untersucht (Thompson & Neugebauer, 2019). Eine Arbeit ging sogar weiter: Anhand der Beschaffenheit dieser Hirnregionen ließ sich vorhersagen, bei welchen Menschen ein akuter Rückenschmerz chronisch werden würde – gemessen, bevor er chronisch war (Vachon-Presseau u. a., 2016).

Zweitens: der Sympathikus, dein Gaspedal. Schlägt der Rauchmelder an, schaltet das vegetative Nervensystem um – der Teil, den du nicht willentlich steuerst. Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flacher, die Muskeln spannen an, die Verdauung fährt herunter. Für ein paar Sekunden Lebensgefahr ist das brillant. Über Monate wird daraus Herzrasen, Enge im Brustkorb, Dauerverspannung, ein Darm, der verrücktspielt. Gleichzeitig kommt der Gegenspieler nicht mehr zum Zug: Bei Menschen mit chronischen Schmerzen ist die Aktivität des Vagusnervs im Mittel messbar niedriger als bei Gesunden – gezeigt in einer Metaanalyse über mehrere Dutzend Studien (Koenig u. a., 2016).

Drittens: Hypervigilanz, der Daueralarm. Wer Angst vor einem Symptom hat, beobachtet es. Ständig. Das Nervensystem stellt sich darauf ein, bloß nichts zu übersehen – und senkt die Schwelle, ab der es etwas meldet. Reize, die du vorher gar nicht bemerkt hättest, kommen jetzt durch (Crombez u. a., 2005). Bei Angst ist diese Verschiebung der Aufmerksamkeit besonders gut belegt: Das System schaut bevorzugt auf das, wovor es sich fürchtet (Cisler & Koster, 2010).

Diese drei zusammen sind der Grund, warum sich das Ganze so echt anfühlt. Es ist echt. Dein Herz rast wirklich, deine Muskeln sind wirklich hart, dein Darm reagiert wirklich. Nur sitzt die Ursache nicht im Herzen, im Muskel oder im Darm, sondern in einem Alarm, der nicht mehr ausgeht.

Und es ist der Grund, warum „Reiß dich zusammen“ nicht funktioniert. Gegen einen Rauchmelder kommt man nicht mit Vernunft an. Man muss ihm zeigen, dass kein Feuer da ist – oft genug, bis er es glaubt. Genau das ist die Arbeit.

Und beim Schmerz selbst ist es dasselbe Prinzip. Schmerz ist keine Messung von Schaden. Er ist eine Bewertung: Dein Gehirn wägt ab, wie gefährlich etwas ist – und entscheidet danach, wie laut es warnt. Dieselben Bereiche, die Angst verarbeiten, reden dabei mit. Deshalb kann derselbe Reiz an einem ruhigen Tag kaum auffallen und an einem Tag voller Sorge kaum auszuhalten sein. Das ist keine Einbildung und keine Schwäche. Es ist die Bauweise des Systems.

Die Schmerzforschung hat dafür inzwischen einen eigenen Begriff: noziplastischer Schmerz. Gemeint ist Schmerz, der weder durch eine Gewebeschädigung noch durch einen Nervenschaden ausreichend erklärt wird, sondern durch eine veränderte Verarbeitung im Nervensystem selbst. Die Internationale Schmerzgesellschaft IASP hat ihn 2017 als dritte eigenständige Schmerzart neben den gewebebedingten und den nervenbedingten Schmerz gestellt; seit 2021 gibt es klinische Kriterien dafür (Kosek u. a., 2021, Fitzcharles u. a., 2021). Mit der ICD-11 hat die Weltgesundheitsorganisation außerdem den „chronischen primären Schmerz“ eingeführt – also chronischen Schmerz, der eine Erkrankung für sich ist und nicht bloß das Symptom einer anderen (Treede u. a., 2019).

Das ist mehr als eine Begriffsfrage. Es heißt: Was du erlebst, ist seit Jahren offiziell anerkannt. Dass du trotzdem oft gehört hast, es sei nichts zu finden und du müsstest damit leben, liegt nicht daran, dass es dieses Wissen nicht gäbe – sondern daran, dass es im Alltag vieler Praxen noch nicht angekommen ist.

Die Forschung stützt diesen Zusammenhang. Das Angst-Vermeidungs-Modell (Fear-Avoidance-Modell) beschreibt, wie schmerzbezogene Angst, Katastrophisieren und erhöhte Aufmerksamkeit auf den Schmerz dazu beitragen, dass Rückenschmerzen chronisch werden und bleiben (Leeuw u. a., 2007). Außerdem treten Angststörungen und chronische Schmerzen deutlich häufiger gemeinsam auf als zufällig zu erwarten. In einer repräsentativen US-Bevölkerungsstudie mit fast 5.900 Teilnehmenden hatten Menschen mit chronischen Schmerzen deutlich häufiger eine Angststörung, am stärksten ausgeprägt bei Panikstörung und posttraumatischer Belastungsstörung (McWilliams u. a., 2003). Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass sich beide gegenseitig aufrechterhalten können und gemeinsame Anfälligkeiten haben, etwa eine hohe Empfindlichkeit für Angstsignale und eine schnell ausgelöste Alarmbereitschaft (Asmundson & Katz, 2009).

Wichtig: Eine diagnostizierte Angststörung gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Meine Arbeit ersetzt das nicht. Sie setzt dort an, wo Angst und Symptome sich gegenseitig verstärken – und hilft, das Nervensystem aus diesem Kreislauf herauszuführen.

Zwei Wege in denselben Alarm

Trifft es vor allem die Starken? So einfach ist es nicht. Aus meiner Erfahrung führen zwei ganz unterschiedliche Wege in denselben Zustand.

Die, die alles durchziehen

Sie sind erschöpft und ausgebrannt, wünschen sich, dass sich etwas ändert – und machen trotzdem weiter. Müdigkeit und Schmerz werden übergangen. Oft wechseln sie zwischen Extremen: Entweder sie übergehen sich völlig, oder sie vermeiden stark. Das Mittelmaß dazwischen fehlt.

Die Empfindsamen

Sie nehmen viel wahr, sind schnell von Reizen überfordert, meiden Lärm und Menschenmengen und machen vieles mit sich selbst aus. Oft ziehen sie schnell Schlüsse – und meist die ungünstigen.

So verschieden beide wirken, sie haben etwas gemeinsam: ein Nervensystem im Alarmmodus. Und wer im Alarm ist, wird fast zwangsläufig empfindlicher – für Reize, für Signale aus dem Körper, für jede mögliche Gefahr.

Die Schmerzforschung beschreibt diese beiden Extreme ebenfalls. Das Vermeidungs-Durchhalte-Modell der Schmerzforscherin Monika Hasenbring (Hasenbring u. a., 2009) unterscheidet Menschen, die aus Angst vor Schmerz vermeiden und sich schonen, von Menschen, die Schmerzen wegdrücken und trotzdem weitermachen. Beide Muster gelten als Risiko dafür, dass Rückenschmerzen chronisch werden.

Warum es nicht reicht, nur das Symptom loszuwerden

Wird nur das Symptom behandelt, ist es oft eine Frage der Zeit, bis es wiederkommt – oder bis sich ein anderes meldet. Die Schulterschmerzen werden behandelt, und irgendwann schmerzt das Knie. Dass beides zusammengehört, fällt oft gar nicht auf.

Das eigentliche Problem ist, dass der Gesamtzustand nicht erkannt wird. Das Symptom zeigt an, dass dein Nervensystem im Alarm ist und dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen: Wann meldet es sich? In welchen Situationen, nach welchen Gedanken, bei welchen Anforderungen? Genau dort liegt der Hinweis.

Das Symptom als Frühwarnsystem

Wer einmal verstanden hat, wie alles zusammenhängt, erkennt viel früher, wann er in ein altes Muster rutscht. Die Menschen, die ich begleite, lernen: Wenn sich der Schmerz meldet, wissen sie, was sie tun können – und dass es nicht schlimm werden muss. Das klingt dann etwa so:

„Aha, es geht wieder los. Ich werde unruhig, es fängt an zu ziehen. Okay – ich bin wieder in den Perfektionismus gerutscht. Ich will gerade schon wieder etwas übergenau machen. Einen Schritt zurück.“

So wird das Symptom vom Gegner zum Wegweiser.

Die verlorene Verbindung zwischen Körper und Geist

Körper und Geist sind kein Gegensatz, sondern ein System. Bei vielen Menschen mit anhaltenden Beschwerden ist die Verbindung zwischen beiden verloren gegangen.

Das zeigt sich darin, dass sie die Signale ihres Körpers nicht verstehen. Manche wissen durchaus, dass sie sich unter Druck setzen, perfektionistisch denken oder sich viele Sorgen machen. Aber sie können den Zusammenhang zu ihren Beschwerden nicht herstellen – und tun sich schwer, etwas daran zu ändern.

Wird die Verbindung wiederhergestellt, verändert sich die Wahrnehmung. Gedanken, Gefühle und Handlungen im Alltag werden bewusster, die Signale des Körpers verständlicher. Druck, Anspannung, Sorgen und Selbstkritik verlieren an Macht, und oft wird auch der Körper ruhiger. Mehr Ausgeglichenheit wird möglich.

Die Fähigkeit, Signale aus dem eigenen Körper wahrzunehmen und einzuordnen, heißt in der Forschung Interozeption. Bei Menschen mit chronischen Schmerzen ist sie häufig eingeschränkt. Und sie ist veränderbar: Eine Meta-Analyse von elf Studien mit Erwachsenen zeigt, dass Körper-Geist-Verfahren diese Körperwahrnehmung verbessern können. Die Autoren bezeichnen die Ergebnisse allerdings als vorläufig (Gnall u. a., 2024).

Was sich verändern kann

Wenn Menschen diese Zusammenhänge verstehen, verändert sich oft sehr viel – manchmal fast alles:

Und sie entdecken, wozu sie fähig sind: ihr Leben bewusst so zu gestalten, wie sie es sich wünschen. Selbstbestimmt, mit Entscheidungen, die zu ihnen passen – statt aus Angst oder Pflicht. Viele beschreiben, dass das Leben wieder Sinn ergibt und Freude macht, weil sie mehr zu dem Menschen werden, der sie eigentlich sind.

Ein Verlauf aus meiner Praxis

Ein Klient kam mit vielen Beschwerden zugleich: Nackenschmerzen, Kieferprobleme, Tinnitus, innere Unruhe, Müdigkeit, Verdauungsprobleme, Schmerzen an der Achillessehne. Sein Stresslevel war extrem hoch. Er sagte mir, er wisse wirklich nicht mehr weiter. Er war ständig bei Ärzten und Therapeuten, suchte nach der nächsten Erklärung und der nächsten Therapie und hatte dafür schon viel Geld ausgegeben.

Dahinter standen Muster, die ihm lange nicht bewusst waren: Perfektionismus, Aufopferung, viel innerer Druck – und eine Wut, die nie richtig Platz hatte und sich stattdessen als ständiger Ärger über alles zeigte. Er witterte überall Gefahr und Konflikte, wollte sich ständig absichern und machte sich Geldsorgen, obwohl er beruflich gut abgesichert war.

Den Wendepunkt brachte die Erkenntnis, wie er denkt, fühlt und handelt – und dass er dem nicht ausgeliefert ist. Er merkte, dass er es selbst beeinflussen kann und dass sein Nervensystem nachzieht.

Heute geht er deutlich bewusster mit sich und seinem Körper um. Er zieht nicht mehr von Praxis zu Praxis. Wenn sich etwas meldet, weiß er, was er tun kann, um sich selbst zu regulieren, und er gestaltet seinen Alltag so, dass Erholung Platz hat. Er erzählt von Momenten der Freude und Leichtigkeit, die er lange nicht mehr kannte. Und er weiß, dass er in einem Prozess ist, an dem er weiterarbeitet.

Einzelheiten sind verändert, damit die Person nicht erkennbar ist.

Was das nicht heißt

Nicht: „selbst schuld“

Ich sage immer: Du bist verantwortlich für dich, aber du bist nicht schuld. Die Muster sind nicht aus Absicht entstanden, sondern als Schutz. Verantwortung heißt nur: Du kannst heute etwas daran verändern.

Nicht: „eingebildet“

Die Beschwerden sind echt. Sie entstehen im Nervensystem – und das Nervensystem ist ein Teil deines Körpers.

Nicht: „nur psychisch“

Das ist eine Schublade. Viele haben Angst vor Wörtern wie „psychisch“ oder „psychosomatisch“, weil sie dahinter hören: Mit mir stimmt etwas nicht, ich werde für verrückt gehalten. Das stimmt nicht. Die moderne Medizin versteht Beschwerden längst als Zusammenspiel von Körper, Psyche und Lebensumständen. Psychosomatisch heißt nicht eingebildet – es heißt, dass Körper und Seele beide beteiligt sind.

Wenn du dich hoffnungslos fühlst

Wenn du über längere Zeit keinen Ausweg mehr siehst oder Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir bitte sofort Hilfe: bei deiner Hausarztpraxis, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder bei der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 – rund um die Uhr und kostenfrei. In Österreich erreichst du die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143. Im Notfall: 112.

Warum ich so arbeite

Weil ich es selbst erlebt habe. Ich hatte chronische Rückenschmerzen, chronische Kopf- und Nackenschmerzen und chronische Fußschmerzen. Bei der Arbeit an mir selbst habe ich viele der Muster erkannt, die auf dieser Seite stehen.

Jeder Mensch hat solche Muster in gewissem Maß. Die Frage ist nur, wie stark sie ausgeprägt sind – und wie laut der Körper darauf antwortet.

Ich habe gemerkt, dass mehr dazugehört, als nur die Symptome zu behandeln. Auch wer seine Symptome los ist, kann zufrieden sein. Aber oft kommt irgendwann wieder ein Punkt, an dem sich etwas meldet und darauf hinweist, genauer hinzuschauen.

Je bewusster du mit dir umgehst – mit deinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen, mit der Verbindung zwischen Körper und Geist –, desto erfüllter kannst du leben. Und desto früher erkennst du, wenn du wieder in alte Muster gerätst. So wird aus dem Reagieren auf Beschwerden ein vorausschauender Umgang mit dir selbst.

Du bist nicht deine Schmerzen.
Du bist nicht deine Gedanken, nicht deine Gefühle, nicht deine Verhaltensweisen.
Du hast sie.

Solange du dich mit ihnen gleichsetzt, ist Veränderung schwer – denn dann bist du es ja. Wenn du aber erkennst, dass du sie hast, dass sie erlernt sind, Konditionierungen und Programme, dann kannst du sie verändern. Das ist der Unterschied, der langfristig trägt.

In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie heißt dieser innere Abstand zu den eigenen Gedanken und Gefühlen „Defusion“. In einer Laborstudie mit Meditierenden hing er damit zusammen, wie unangenehm Hitzeschmerz erlebt wurde (Zorn u. a., 2021).

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Quellen

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Paul Reinborn

Paul Reinborn

Physiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker (Physiotherapie). Begleitet Menschen mit chronischen und neuroplastischen Beschwerden 1:1 online und in seiner Praxis in Baden-Baden.

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Zuletzt aktualisiert: 8. Oktober 2026