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Rückenschmerzen ohne Befund – und trotzdem tut es weh

Du hast Rückenschmerzen, seit Monaten oder seit Jahren. Du warst beim Arzt, warst im MRT, vielleicht im Röntgen, vielleicht schon beim dritten Spezialisten. Und dann kommt dieser Satz: „Wir haben nichts gefunden.“

Die meisten Menschen denken in diesem Moment, es sei etwas übersehen worden. Sie haben Angst, sie machen sich Sorgen, weil sie sich fragen: Warum habe ich dann diese Beschwerden? Wenn man nichts sieht – was erklärt sie dann?

Auf dieser Seite erfährst du, warum Rückenschmerzen auch ohne sichtbaren Befund echt sind, welche Rolle dein Nervensystem dabei spielt und woran du erkennst, ob das auch bei dir zutrifft. Wenn du es lieber direkt für dich prüfen willst: Der Selbstcheck mit 20 Fragen braucht drei Minuten.

Vorab lesen: Wann du zuerst ärztlich abklären lassen solltest

Hast du eines dieser Zeichen? Dann lass es bitte zuerst ärztlich abklären, bevor du weiterliest: plötzlicher Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm, Taubheit im Reithosenbereich, neue Lähmungen oder Kraftverlust, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, neue oder zunehmende Schmerzen in der Nacht oder in völliger Ruhe, neue Beschwerden nach einer Tumorerkrankung. Mehr dazu

Gut zu wissen: Schmerzen, die schon lange bestehen und auch nachts oder in Ruhe da sind, sind für sich allein kein Warnzeichen – ein Nervensystem im Alarmzustand kann genau das auslösen. Aufmerksam solltest du werden, wenn sie neu sind, deutlich zunehmen oder zusammen mit anderen Zeichen auftreten.

Warum „nichts gefunden“ erst einmal ein gutes Zeichen ist

Nur weil man etwas nicht sieht, heißt das noch lange nicht, dass nichts da ist. Es liegt ja etwas vor: Es sind Symptome da, es sind Beschwerden da. Die sind real, und niemand bildet sie sich ein.

Trotzdem ist es erst einmal ein gutes Zeichen, wenn nichts zu sehen ist. Allein deshalb, weil sich damit eine strukturelle Ursache ausschließen lässt: Da ist keine Bandscheibe, die auf einen Nerv drückt. Keine Entzündung. Keine Engstelle. Keine Kompression. Die gefährlichen Ursachen sind vom Tisch.

Es passiert aber genau das Gegenteil mit den Menschen. Sie sind verunsichert, sie werden ängstlich, weil viele denken: Was steckt denn dann dahinter? Statt Erleichterung entsteht Verunsicherung.

Dabei gibt es auf diese Frage eine Antwort. Sie liegt nur nicht im Gewebe, sondern in deinem Nervensystem – in dem System, das entscheidet, wann dein Körper Schmerz meldet.

Die Sätze, die du über deinen Rücken gehört hast – und was davon stimmt

Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, dass sich alle Beschwerden strukturell erklären lassen. Wir sind darauf gepolt, mechanisch zu denken: Es muss irgendwo etwas draufdrücken, etwas muss verschoben sein, etwas muss entzündet sein, etwas muss eingeklemmt sein.

An fast jedem dieser Sätze stimmt etwas. Sie sind nicht falsch – sie sind unvollständig. Und genau das ist das Tückische daran. Tipp die Sätze an, die du kennst.

„Die Bandscheibe drückt auf den Nerv.“

Was daran stimmtEine Bandscheibe drückt wirklich auf einen Nerv, wenn zwei Dinge zusammenpassen: das Bild und die körperliche Untersuchung. Ein Befund im MRT allein bestätigt noch nicht, dass er auch deine Beschwerden verursacht.

Zu einer echten Nervenwurzelreizung gehören:

  • Kraftverlust in genau den Muskeln, die von dieser Nervenwurzel versorgt werden – Fachleute nennen das Myotom: Jede Nervenwurzel ist für eine bestimmte Muskelgruppe zuständig
  • Taubheit, Kribbeln oder vermindertes Gefühl in genau dem Hautstreifen, der zu dieser Wurzel gehört – das Dermatom, eine Art Landkarte der Haut
  • Abgeschwächte oder fehlende Reflexe, etwa der Kniesehnenreflex bei L3/L4 oder der Achillessehnenreflex bei S1
  • Positive Nervendehnungstests wie der Lasègue-Test
  • bei Bedarf eine Messung der Nervenleitung (EMG, NLG)

Passt der Befund im Bild zu diesen Zeichen, ist er relevant – und dann gehört er behandelt. Nach meiner Erfahrung ist eine der erfolgreichsten konservativen Methoden bei Vorfällen und Vorwölbungen die Arbeit mit einer Richtungspräferenz nach McKenzie: Man sucht die Bewegungsrichtung, bei der der Schmerz aus dem Bein zurück Richtung Rücken wandert und nachlässt. Dieses Phänomen heißt Zentralisierung und ist gut untersucht.7

Was dabei untergehtBandscheibenveränderungen finden sich sehr häufig bei Menschen ganz ohne Schmerzen, und sie nehmen mit dem Alter zu.1 Ein Vorfall im Bild ist nicht automatisch dein Schmerz.

Es gibt auch den umgekehrten Fall: Das MRT zeigt einen Vorfall, aber deine Beschwerden haben nichts damit zu tun. Dann ist es ein Zufallsbefund. Er ist da, er ist echt – nur erklärt er deinen Schmerz nicht.

Wenn Bild und Untersuchung nicht zusammenpassen, heißt das nicht, dass es keine Erklärung gibt. Es heißt, dass sie woanders liegt: in einer anderen Struktur – oder in deinem Nervensystem. Abzuklären wären zum Beispiel Wirbelgleiten, eine Enge im Wirbelkanal, Facettengelenke oder das Iliosakralgelenk, Osteoporose mit Wirbelkörperbruch, ein entzündlicher Rückenschmerz wie Morbus Bechterew (typisch: nachts, über 30 Minuten Morgensteifigkeit, besser bei Bewegung), selten Infektionen oder Tumoren, und Organe, die in den Rücken ausstrahlen.8

Wenn Schmerzen ohne klaren Befund bestehen und über einen längeren Zeitraum mehrere Behandlungsversuche nichts gebracht haben, sollte man auf jeden Fall an die neuroplastische Komponente denken.

„Da ist ein Nerv eingeklemmt.“ / „Das ist der Ischias.“

Was daran stimmtEine echte Nervenkompression gibt es – und die merkst du: Taubheit, Kraftverlust, deutliche Ausfälle. Dann hättest du wirklich handfeste Beschwerden.

Was dabei untergehtSelbst ein Bandscheibenvorfall ist kein eingeklemmter Nerv, sondern eine Reizung des Nervs durch Druck. Wenn du solche Ausfälle nicht hast, ist „eingeklemmt“ das falsche Bild für das, was bei dir geschieht – und es ist ein Bild, das Angst macht. Dein Nervensystem hört mit.

„Da ist eine Blockade.“ / „Der Wirbel ist verschoben, das muss eingerenkt werden.“

Was daran stimmtDass sich etwas steif und fest anfühlt, stimmt. Und dass eine Behandlung an der Wirbelsäule Erleichterung bringen kann, stimmt auch.

Was dabei untergehtHier darf man wirklich von einem Mythos sprechen. Es ist kein Wirbel verschoben. Und es muss auch nichts eingerenkt werden, weil nie etwas ausgerenkt war. Ein echtes Ausrenken wäre eine schwere Verletzung – damit lägst du nicht auf einer Behandlungsliege.

Auch das Knacken ist nicht der Wirbel, der zurückspringt. Im Gelenk entsteht für einen Moment ein Gasbläschen in der Gelenkflüssigkeit. Das ist das Geräusch, mehr nicht.3

Was wirklich dahintersteckt, ist eine Fehlspannung der Muskulatur und eine gestörte Rückmeldung: Dein Nervensystem weiß in dem Moment nicht mehr genau, wo das Gelenk steht. In der Forschung heißt das Joint Position Error, und es lässt sich messen.4 Der alte Begriff war „Subluxation“, die Behandlung hieß „Einrenken“. Heute spricht man von Justierung.

Und darum kommt sie immer wieder: Wenn die Steuerung das Problem ist und nicht die Position, bringt das Zurückschieben nichts – es war ja nie etwas verschoben.

So arbeitet die moderne, amerikanisch geprägte Chiropraktik (Brain-Based Chiropractic): Sie zielt nicht auf einen Wirbel, sondern auf das Nervensystem, damit sich Fehlspannungen lösen und das vegetative Nervensystem zur Ruhe kommt. Dabei geht es nicht um eine schnelle Behandlung zwischendurch, sondern um eine Begleitung über einen längeren Zeitraum. Eine gute Justierung arbeitet mit den natürlichen Bewegungskopplungen der Wirbelsäule, nicht dagegen – und tut in den seltensten Fällen weh.

Zur Einordnung: Dass eine chiropraktische Behandlung bei chronischen Rückenschmerzen helfen kann, ist gut untersucht; sie wirkt vergleichbar mit anderen empfohlenen Therapien.5 Für den speziell nervensystem-orientierten Ansatz gibt es bislang wenig eigene Forschung – hier spreche ich aus meiner Ausbildung und meiner Praxiserfahrung.

„Dein Becken steht schief.“ / „Du hast einen Beinlängenunterschied.“

Was daran stimmtUnterschiede zwischen rechts und links gibt es. Man kann sie messen, man kann sie sehen. Und man muss zwei Dinge auseinanderhalten: eine anatomische Differenz – der Knochen ist tatsächlich länger – und eine funktionelle, bei der Muskelspannung das Becken in einer Position hält. Das Zweite ist wieder derselbe Mechanismus wie bei der Blockade: Steuerung, nicht Statik.

Was dabei untergehtAsymmetrie ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. In einer Auswertung von Röntgenmessungen hatten 90 Prozent der Menschen einen messbaren Beinlängenunterschied, im Mittel rund 5 Millimeter. Klinisch bedeutsam wird er nach heutigem Kenntnisstand meist erst ab etwa 20 Millimetern.9

Es gibt also unzählige Menschen mit Beckenschiefstand, die nie Rückenschmerzen hatten – unabhängig vom Ausmaß. Prophylaktisch misst das auch niemand. Gemessen wird erst, wenn jemand mit Beschwerden kommt. Und dann findet man etwas, das vorher schon da war.

In manchen Fällen hilft eine Behandlung in diesem Bereich tatsächlich. Aber auch dann gilt: das Gesamtbild sehen und sich nicht nur auf den Rücken fokussieren. Welche anderen Beschwerden sind da? Welche Zusammenhänge gibt es zum Nervensystem? Sonst passiert, was oft passiert: Der Rücken wird behandelt, es wird besser – und kurze Zeit später meldet sich die Schulter oder der Nacken.

Und es gibt einen Nebeneffekt, der schwerer wiegt als der Schiefstand selbst: den Satz „Ich bin schief, ich bin krumm, kein Wunder, dass ich Probleme habe.“ Dieses Denken hält den Alarmzustand aufrecht. Davon dürfen wir uns lösen.

„Dein Rücken ist verschlissen und abgenutzt.“

Was daran stimmtVerschleißzeichen gibt es: Arthrose der Facettengelenke, eine Enge im Wirbelkanal, Höhenminderung der Bandscheiben. Das ist real und manchmal auch relevant.

Was dabei untergehtDas ist mechanisch gedacht, weil wir sehr lange mechanisch gedacht haben. Der Begriff legt dabei eine falsche Herangehensweise nahe: Wenn etwas abgenutzt ist – was soll man dann tun? Ein künstliches Gelenk, klar. Aber oft ist das gar nicht das Entscheidende.

Dazu kommt: Verschleißzeichen an der Wirbelsäule finden sich auch bei Menschen, die überhaupt keine Schmerzen haben, und sie nehmen mit dem Alter zu.1 Ausführlich nachzulesen hier: Warum ein Befund im Bild nicht beweist, dass er die Schmerzen macht.

„Du hast zu schwache Rückenmuskulatur.“ / „Das ist deine Haltung.“

Was daran stimmtKraft und Bewegung tun gut, und vielen Menschen hilft es, auf dieser Ebene zu arbeiten. Das will ich nicht kleinreden.

Was dabei untergehtEs gibt sehr viele Menschen mit „schlechter“ Haltung und „zu schwacher“ Muskulatur, die überhaupt keine Schmerzen haben. Damit kann das nicht die hauptsächliche Erklärung sein. Eine Rolle spielen kann es trotzdem. Die Forschung sieht es genauso: Über einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Haltung und Rückenschmerz gibt es bis heute keinen Konsens.6

Der Prüfstein: Du kräftigst, du arbeitest an deiner Haltung – und die Beschwerden ändern sich nicht. Oder es kommen neue dazu. Dann steht das nicht an erster Stelle.

Bei einem dysregulierten Nervensystem ist Kräftigen oft nicht der Schlüssel. Im Gegenteil: Es kann dazu führen, dass neue Beschwerden auftreten.

„Das ist nur eine Verspannung.“

Was daran stimmtDie Verspannung ist da. Du kannst sie anfassen, sie ist hart, sie tut weh. Niemand bildet sich das ein.

Was dabei untergehtDie eigentliche Frage ist nicht, ob die Muskulatur fest ist. Sondern: Wieso ist sie ausgerechnet dort so fest – und wieso reagiert sie nicht auf körperliche Behandlung?

Wenn selbst intensive Techniken nicht greifen – Faszientherapie, das Fasziendistorsionsmodell, Mobilisation, auch die sanften Verfahren – oder wenn es nur kurz hilft und immer wiederkommt, dann ist das ein Hinweis auf dein Nervensystem.

Muskelspannung ist kein Zufall. Sie wird gesteuert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was will diese Muskulatur schützen?

Wenn du dir unsicher bist, welcher Fall bei dir vorliegt, hilft eine einfache Unterscheidung: Gibt es eine Bewegungsrichtung, die deinen Schmerz zuverlässig verändert? Dann spricht das für eine mechanische Komponente. Verändert sich wenig durch Bewegung, aber viel durch Stress, Stimmung, Erwartung oder Ablenkung? Dann spricht das für dein Nervensystem.

Software statt Hardware – und die Software ist dein Nervensystem

Ich suche nicht nach einem Defekt. Ich suche nach einem Softwarefehler.

Nicht die Hardware ist das Problem – also dein Körper, deine Muskeln, Faszien, Gelenke, Knochen, Bänder und Sehnen. Das Problem liegt in der Software. Und diese Software ist dein Nervensystem.

Dein Nervensystem ist das Programm, das alles verarbeitet und abspeichert: Gedanken, Gefühle, Emotionen, Erwartungen, Erfahrungen. Es entscheidet auch, ob eine Situation sicher ist oder gefährlich – und ob es Schmerz meldet. Genau dort werden Muster gelernt, und genau dort können sie sich festsetzen.

Und das ist der Punkt, den kaum jemand erklärt: Schmerz entsteht nicht im Rücken. Schmerz wird im Nervensystem erzeugt – und dann in den Rücken gemeldet. Gespürt wird er dort, wo dein Nervensystem die Gefahr vermutet. Deshalb kann er auch da sein, wenn im Gewebe alles in Ordnung ist.

Das Nervensystem erzeugt das Schmerzsignal und meldet es an den Rücken HARDWARE Dein Körper Muskeln · Faszien Gelenke · Knochen Bänder · Sehnen im Bild: unauffällig SOFTWARE Dein Nervensystem das Programm dahinter Gedanken · Gefühle Erwartung · Angst gelernte Alarmmuster hier setzen wir an meldet: Gefahr Gespürt im Rücken – erzeugt im Nervensystem
Die Software ist dein Nervensystem. Dort werden Gedanken, Gefühle und Erfahrungen verarbeitet und als Muster abgespeichert – auch das Muster „Gefahr“. Spüren wirst du das Ergebnis im Rücken. Entstanden ist es woanders.

Und das bleibt nicht folgenlos im Körper. Die Reaktion im Nervensystem macht sich auch strukturell bemerkbar: als erhöhte Spannung in Muskeln und Faszien, als Verhärtung, als Schmerz. Das eine beeinflusst das andere. In diesem Fall verändert die Software die Hardware.

Bei einem Computer wäre das nicht möglich. Aber wir sind keine Computer. Deshalb ist die Verspannung, die du spürst, echt – sie ist nur nicht der Anfang der Kette, sondern ihr Ergebnis. Und deshalb bringt es auf Dauer wenig, immer nur die Spannung zu behandeln, solange das Programm dahinter unverändert bleibt.

Das ist ein Softwarefehler und kein Hardwarefehler. Der Fehler sitzt nicht im Rücken, sondern im Nervensystem.

Deshalb müssen wir am Nervensystem ansetzen und das Programm verändern. Denn dein Nervensystem kann Symptome aufrechterhalten, die sich so echt und so bedrohlich anfühlen, dass du überzeugt bist, da müsse ein ernsthafter Schaden dahinterstecken. Obwohl keiner da ist.

Stell dir einen Rauchmelder vor, der zu empfindlich eingestellt ist. Er schrillt, sobald du Toast machst. Der Alarm ist echt, er ist laut, und er ist nicht eingebildet – aber es brennt nicht. Du reparierst dann auch nicht die Küche. Du stellst den Melder neu ein. Genau so ist es bei einem Nervensystem, das gelernt hat, zu früh und zu laut Alarm zu schlagen.

Und das ist die gute Nachricht an der ganzen Sache: Ein Nervensystem, das Alarm gelernt hat, kann auch wieder lernen, dass keine Gefahr besteht. Bei einem kaputten Teil ginge das nicht.

Und es bleibt selten beim Rücken: Dieselben Mechanismen können auch Tinnitus, Schwindel, Erschöpfung oder Verdauungsbeschwerden aufrechterhalten.

Für diesen Zustand gibt es übrigens einen Fachbegriff – zentrale Sensibilisierung – und seit 2017 eine eigene Schmerzkategorie der Internationalen Schmerzgesellschaft: den noziplastischen Schmerz. Dein Rücken ist damit kein Sonderfall, sondern ein anerkanntes Muster.

„Ist das dann psychisch?“

Das ist die Frage, vor der die meisten Angst haben. Und die Antwort ist nicht so einfach, wie beide Lager es gern hätten.

Dass Schmerzen und Symptome etwas mit der Psyche zu tun haben, kann stimmen. Aber „das ist psychisch“ wird oft als Ausrede benutzt – von Ärzten und Therapeuten, die nicht weiterwissen.

Was dabei fehlt, ist die Erklärung, was das eigentlich bedeutet: Es ist neuroplastisch. Es ist ein erlernter Mechanismus. Diese Aufklärung bleibt fast immer aus. Und so landen Menschen in einer Schublade, denn der Begriff „psychisch“ ist für viele bedrohlich: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bilde es mir ein. Ich bin verrückt. Zum Teil existieren da die kuriosesten Vorstellungen.

Deshalb hilft auch eine klassische Verhaltenstherapie oder psychologische Betreuung oft nicht – weil nicht an der eigentlichen Problematik angesetzt wird.

Was erlernt wurde, kann auch wieder umgelernt werden.

Wenn du wissen willst, wie so ein Muster überhaupt entsteht – und welche Rolle Angst dabei spielt: Angst ist der stärkste Verstärker. Und hier steht, was „neuroplastisch“ genau bedeutet.

Die Spirale: vom Schlimmsten ausgehen und googeln

Viele Menschen denken: Wenn ich ein Symptom habe, dann muss da doch etwas sein. Und im Zweifel wird immer das Schlimmste vermutet. Die wenigsten gehen davon aus, dass es harmlos ist – erst recht nicht, wenn es lange bleibt und stark ist.

Wenn dann nichts gefunden wird, denken viele, es sei etwas übersehen worden. Also recherchiert man selbst. Und stößt natürlich auf die schlimmsten Dinge, die zu den eigenen Symptomen passen. Und macht sich damit noch viel verrückter.

Kreislauf: nichts gefunden, Unsicherheit, Suche im Internet, mehr Alarm, mehr Schmerz „Wir haben nichts gefunden“ Verunsicherung Suche, Googeln Mehr Alarm mehr Schmerz
Die Suche nach der Ursache ist nicht nur eine Folge der Angst – sie hält den Kreislauf in Gang. Jede neue Schreckensmeldung ist für dein Nervensystem eine weitere Gefahrenmeldung.

Vielleicht bist du genau deshalb gerade hier gelandet. Das ist kein Vorwurf, das ist verständlich. Wichtig ist nur zu wissen, was dabei passiert: Jede neue Schreckensmeldung ist für dein Nervensystem eine weitere Gefahrenmeldung. Und ein Nervensystem, dem Gefahr gemeldet wird, macht mehr Schmerz, nicht weniger.

Von Arzt zu Arzt – was das mit deinem Nervensystem macht

Wenn nichts zu sehen und nichts zu messen ist – im MRT, im Blutbild, in allen anderen Analysen – dann sind Ärzte und Therapeuten ratlos, weil sie es nicht fassen können. Das ganze Thema rund um neuroplastische Schmerzen und Symptome lässt sich eben nicht messen.

Dafür gibt es einen Namen: den Nocebo-Effekt. Sätze wie „Ihre Bandscheibe ist kaputt“ oder „Damit müssen Sie leben“ sind für ein Alarmsystem keine Information, sondern eine Bestätigung der Gefahr.

Viele Ärzte denken dann, sie müssten weitersuchen. Also wirst du von einem Experten zum nächsten geschickt. Zum Rheumatologen, dann zu einem zweiten Rheumatologen, dann zu noch einem Spezialisten. Und irgendjemand sieht dann vielleicht ein bisschen etwas.

Dieses ständige Hoffen und dann doch nichts Konkretes finden – das ist für das Nervensystem purer Stress und Alarm. Und genau das hält deinen Zustand aufrecht. Denn was ein Nervensystem in diesem Zustand braucht, ist Sicherheit. Nicht Gefahr.

Das läuft unbewusst ab. Aber diese vielen Arztbesuche und Therapieversuche tragen einen großen Teil dazu bei, dass Beschwerden überhaupt erst chronisch werden. Da trägt unser Gesundheitssystem leider einiges bei – nicht absichtlich. Das wird sich ändern, sobald diese Mechanismen besser verstanden sind und man früher eingreifen kann.

Welcher Weg was leisten kann – Hausarzt, Orthopäde, Schmerzambulanz, Psychotherapie – habe ich hier aufgeschrieben: Wer hilft bei chronischen Schmerzen ohne klaren Befund?

Und irgendwann bist du allein damit

Woran ich merke, dass jemand allein damit ist? Ganz einfach: wenn er hoffnungslos ist. Wenn er nicht das Gefühl hat, in einem Prozess zu sein, auf einem Weg zu sein. Wenn er niemanden hat, mit dem er darüber sprechen kann und der ihn wirklich versteht – weil das für viele Menschen schwer zu greifen ist.

Es wird immer nur nach einem Problem gesucht, aber niemand bietet eine Lösung an. Und dabei bekommt die Person immer wieder dasselbe Gefühl vermittelt: dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Dabei ist mit diesen Menschen alles in Ordnung. Das ist das Verrückte und das Traurige zugleich.

Dieses Reparatur-Denken – es muss etwas kaputt sein und repariert werden – ist die alte Betrachtungsweise. Das Erste, was wir gelernt haben, ist: Wenn etwas verletzt, gebrochen oder gerissen ist, dann tut es weh. Und wenn es verheilt, operiert, genäht oder korrigiert wird, dann wird es besser. Bei einem Nervensystem, das Alarm gelernt hat, funktioniert dieser Weg nicht.

„Was mir am besten gefallen hat, war, dass ich plötzlich das Gefühl bekommen habe, ich bin nicht allein mit meinen Schmerzen und meiner Erschöpfung. Das ist ein wesentlicher Punkt, den alle Ärzte, Heilpraktiker und Psychologen, bei denen ich gewesen bin, versuchen immer wieder was zu finden – und bauen einen nicht so auf wie du. Weil sie immer nach einem Problem suchen.

Und das, was du sagst, man kann daran arbeiten und langfristig die Symptome wieder in den Griff bekommen, das hat mir heute endlich wieder etwas Hoffnung gegeben. Ich weiß, es wird lange dauern, aber der Weg ist das Ziel."

Nachricht einer Klientin aus der laufenden Zusammenarbeit

Wenn es nur hält, solange du ständig etwas tust

Es gibt ein Muster, das mir immer wieder begegnet: Menschen mit chronischen Beschwerden haben ihre Symptome einigermaßen im Griff – aber nur, weil sie permanent etwas tun. Alle paar Wochen Physiotherapie, dazu noch ein zweiter Therapeut, hier noch etwas dehnen, da noch etwas optimieren.

Und sobald sie es weglassen, bricht alles zusammen.

Wenn dein Zustand nur hält, solange ständig jemand an dir arbeitet, dann ist das Problem nicht gelöst. Es wird verwaltet.

Das ist kein Vorwurf an die Behandlungen und auch keiner an dich. Es ist ein Hinweis darauf, wo der Hebel liegt: beim Nervensystem und bei deiner eigenen Selbstregulation. Das eine schließt das andere nicht aus – Bewegung bleibt gut, Behandlung kann guttun. Die Frage ist nur: Was bringt dein System wieder ins Gleichgewicht? Bei chronischen Rückenschmerzen ist das oft nicht die Haltungskorrektur, nicht das Krafttraining und nicht die nächste Mobilisationsübung.

„Vielleicht hat man einfach noch nicht genau genug hingeschaut“

Diesen Gedanken kenne ich gut. Meine Antwort darauf lautet: Schau dir an, wie sich dein Schmerz verhält.

Wenn er bei Stress, Angst oder Erwartung stärker wird. Wenn er im Urlaub nachlässt oder wenn du entspannt bist. Wenn es Momente gibt, in denen du ihn gar nicht spürst, weil du etwas Schönes machst – angeln zum Beispiel, oder Zeit mit Freunden.

Dann geht es nicht mehr darum, noch genauer hinzuschauen oder noch etwas zu finden. Dann geht es darum, an der richtigen Stelle anzusetzen.

Wie verhält sich dein Schmerz? Ein Hinweis auf dein Nervensystem

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Für wen dieser Weg nicht der richtige ist

Wenn du noch mitten in der Diagnosesuche steckst. Wer fest davon überzeugt ist, dass sich noch etwas finden lassen muss, sollte seine Untersuchungen erst abschließen. Das ist wichtig. Es hat keinen Sinn, aus dem Alarm heraus, aus der ständigen Suche, etwas Neues zu beginnen.

Wenn du erwartest, dass jemand anderes dein Problem für dich löst – durch eine Behandlung, eine Operation oder was auch immer. Diese Arbeit machst du selbst, ich begleite dich dabei.

Wenn du eine klare strukturelle Diagnose hast. Wobei auch hier wichtig ist zu verstehen: Selbst wenn du eine Diagnose wie eine Spinalkanalstenose hast – egal welche Diagnose – es kann auch beides vorliegen. Das ist besonders dann relevant, wenn herkömmliche Methoden, Therapien und auch Operationen langfristig nicht anschlagen. Dann lohnt es sich umzudenken. Und dann ist die Lösung nicht unbedingt die nächste Operation. Aber das muss man individuell abwägen.

Mehr dazu: Immer noch Schmerzen, obwohl der Befund behandelt wurde

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Quellen

  1. Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, Bresnahan BW et al. (2015): Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR American Journal of Neuroradiology 36(4): 811–816. PubMed
  2. Ashar YK, Gordon A, Schubiner H et al. (2022): Effect of Pain Reprocessing Therapy vs Placebo and Usual Care for Patients With Chronic Back Pain: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 79(1): 13–23. PubMed
  3. Kawchuk GN, Fryer J, Jaremko JL et al. (2015): Real-time visualization of joint cavitation. PLoS ONE 10(4): e0119470. PubMed
  4. Särkilahti N, Hirvonen M, Lavapuro J et al. (2024): Sensorimotor tests in patients with neck pain and its associated disorders: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports 14: 12764. PubMed
  5. Rubinstein SM, de Zoete A, van Middelkoop M et al. (2019): Benefits and harms of spinal manipulative therapy for the treatment of chronic low back pain: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ 364: l689. PubMed
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  8. Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz. leitlinien.de
  9. Knutson GA (2005): Anatomic and functional leg-length inequality: a review and recommendation for clinical decision-making. Part I: anatomic leg-length inequality – prevalence, magnitude, effects and clinical significance. Chiropractic & Osteopathy 13: 11. PubMed
Paul Reinborn

Paul Reinborn

Physiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker (Physiotherapie). Begleitet Menschen mit chronischen und neuroplastischen Beschwerden 1:1 online und in seiner Praxis in Baden-Baden.

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Zuletzt aktualisiert: 8. Oktober 2026